|
SYMPOSION.ORG Internetforum von Dr. Stefan Scheil Kommentar zur Rezension von "Churchill, Hitler und der Antisemitismus" Prof. Dr. Rainer F. Schmidt hat in der FAZ mein neues Buch "Churchill, Hitler und der Antisemitismus" über die deutsche Diktatur und ihre politischen Gegner in den Jahren 1938/39 besprochen. Da auch diese Besprechung - wie so viele andere - etliche Einzelheiten enthält, die schlicht unzutreffend sind, will ich dies nicht ganz unkommentiert lassen. Beginnen wir aber mit etwas Positivem. Im letzten Abschnitt läßt Schmidt wissen, im Juli 1914 habe es einen "Blankoscheck" gegeben und erwähnt in diesem Zusammenhang die "Coefficients", ein effektives politisches Netzwerk, dessen Mitglied Edward Grey Großbritannien als Außenminister in den Ersten Weltkrieg führte. Ich gehe im Buch auf die "Coefficients" ein, denn zum einen gibt es mit dem mehrfachen Minister Leopold Amery eine personelle Kontinuität zwischen ihnen und dem "Focus", dem führenden englischen Netzwerk der Jahre 1936-39. Zum anderen ist die englische Methode dieser diskreten Bildung von entscheidenden Netzwerken aus Presse, Politik, Wirtschaft, Militär und Kirche in ihrer Wirkung bisher allgemein unterschätzt worden. Wenn die "Coefficients" auf diesem Weg bekannter werden sollten, bei denen seit 1902 ganz offen ein Krieg gegen Deutschland als die Lösung der Probleme gefordert und angestrebt wurde, dann ist das schon deswegen zu begrüßen, weil auch im Bereich des Ersten Weltkriegs immer noch - oder wieder - die Legenden um deutsche Alleinverantwortung blühen. Weniger positiv sind Schmidts Bemühungen zu werten, den im Buch ausgebreiteten Argumenten und Tatsachen etwas entgegenzusetzen. Er dreht zudem kräftig an der Schweigespirale. Daß der englische Regierungschef Chamberlain später sagte, er sei von verschiedenen Kräften aus den USA und der englischen Innenpolitik zum Krieg gegen Deutschland gezwungen worden, verschweigt Schmidt ebenso wie die Klage des englischen Botschafters Henderson aus dem Juli 1939 gegenüber Außenminister Halifax, Hitler müßte angesichts der englischen Politik längst den Eindruck haben, daß "Britannien den Krieg gegen Deutschland um jeden Preis will". Für Schmidt ist Hitler die allein zum Krieg treibende Kraft. Anderslautende Tatsachen nimmt er nicht zur Kenntnis, selbst wenn sie in der Dichte wie in "Churchill, Hitler, und der Antisemitismus" ausgebreitet werden. Statt dessen sei es Hitler gewesen, der die Basis des Münchener Abkommens mit dem Einmarsch in Prag 1939 zerstört hätte, so Schmidt. Nur wurde dabei laut englischer Regierung weder das Münchener Abkommen noch das in München geschlossene deutsch-englische Konsultationsabkommen gebrochen. Hitler hat keineswegs befohlen, "die Polen durch Erpressung weichzukochen", wie Schmidt meint. Er wollte Polen als Bündnispartner gewinnen und hat der Republik Polen seit Herbst 1938 ein umfassendes Abkommen mit diesem Ziel angeboten. Er hat auch nicht das deutsch-englische Flottenabkommen gekündigt, wie Schmidt weiter ausführt, sondern öffentlich festgestellt, es sei durch den englischen Blankoscheck für einen polnischen Angriff auf Deutschland dessen politische Grundlage entfallen. |
|||||||||||||
|
|
|||||||||||||
|
|
|||||||||||||
|
|
|||||||||||||
|
|
Womit wir beim Thema "Blankoscheck" wären, zugegebenermaßen ein Reizwort, das wohl deshalb auch die Redaktion in den Titel der Besprechung aufgenommen hat. Schmidt argumentiert, es sei von England im Jahr 1939 die polnische Unabhängigkeit garantiert worden, nicht die territoriale Integrität des polnischen Staates. Also sei das nur eine Fortsetzung der Appeasementpolitik gewesen und man habe weiter über Danzig und angeblich sogar den Korridor sprechen können. Diese oft zu hörende Fehlinformation wird sowohl durch den Wortlaut der Abmachungen als auch durch den offiziellen Kommentar des englischen Außenministeriums aus dem April 1939 widerlegt: Zum ersten Mal in der englischen Geschichte sei die Entscheidung über den Kriegseintritt Englands einem fremden Staat überlassen worden - der Republik Polen. So lautete die offizielle Stellungnahme des ständigen Unterstaatssekretärs Alexander Cadogan, so ging es aus dem Wortlaut der Vereinbarungen hervor. Was Schmidt nun als Abschwächung der englischen Garantie deuten will, die sich auf "Unabhängigkeit" und nicht auf "Territorium" bezog, ist in Wirklichkeit genau jener Schwenk, der dem Blankoscheck erst den wahren Wert gab. Polen konnte demnach nämlich selbst frei bestimmen, was seine "Unabhängigkeit" bedrohen würde. Das konnten auch Dinge sein, die sich außerhalb der polnischen Grenzen ereigneten, etwa in Danzig, in Litauen, ja sogar in Deutschland selbst. Der englisch-polnische Vertrag wurde in diesem Sinn genau ausformuliert und er richtete sich ausdrücklich ausschließlich gegen Deutschland. Wenn die deutsche Regierung irgend etwas unternahm, was aus Warschauer Sicht bedrohlich war, oder so dargestellt werden konnte, dann konnte Polen gegen Deutschland den Krieg eröffnen und England war (ebenso wie Frankreich) automatisch gezwungen, an polnischer Seite in den Krieg zu ziehen. Dies war eben keine Garantie für den Fall eines drohenden oder gar stattfindenden deutschen Angriffs auf Polen, sondern eine Ermächtigung zum polnischen Angriff auf Deutschland aus fast beliebigem Grund. Dieser Punkt kann gar nicht deutlich genug betont werden. Abschließend noch dies: Ich habe Churchill weder direkt noch indirekt als "Marionette" dargestellt, wie Schmidt schreibt, sondern als exzentrischen Politiker mit ehrgeizigen (auch kriegerischen) Zielen, für die er beim "Focus" Unterstützung suchte und fand. Gleichzeitig ist Hitler in meiner Darstellung keineswegs nur auf friedliche Lösungen fixiert, sondern seinerseits ebenfalls kriegsbereit gewesen, wie manch andere in Moskau, Washington und Warschau. Daran lassen meine Veröffentlichungen insgesamt keinen Zweifel. Stefan Scheil |
||||||||||||