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von Dr. Stefan Scheil II.
Rezensionen meiner Dissertation Hans Fenske in der "Frankfurter
Allgemeinen Zeitung" vom 23.9.1999 Prof. Joachim Scholtysek in: "Geschichte in Wissenschaft und Unterricht" 10/2003 Wolfgang Braunschädel im "Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit" Nr. 17/2003 Peter
Pulzer in "German History" vol. 18, no. 2, 2000 "Den bedeutendsten Teil dieses Buches stellten die Anhänge dar, die etwa als zwei Drittel der Gesamtlänge einnehmen und in denen die Hochburgen der Antisemitenparteien während des untersuchten Zeitraum analysiert werden, detaillierte Informationen über Wahlergebnisse der einzelnen antisemitischen Reichstagskandidaturen enthalten sind und zudem kurze Biographien der Funktionäre und gewählten Kandidaten aufgeführt werden. Diese Informationen die bisher noch niemals in dieser systematischen Weise aufgeführt worden sind, werden künftigen Historikern eine Menge Laufarbeit ersparen und man möchte hoffen, daß diese Leistung des Autors entsprechend gewürdigt wird. Der erzählerische und analytische Teil des Buchs ist demgegenüber etwas
unbefriedigend. Es ist Scheils Hauptthese, daß die Antisemiten ein integraler
Bestandteil der nationalistischen Rechten im kaiserlichen Deutschland gewesen
seien und er begründet diese Integration einerseits mit der gemeinsamen
nationalistischen und "völkischen" Mentalität, andererseits mit den
Zwängen des Wahlsystems, mit seinem absoluten Mehrheitswahlrecht und des
dadurch notwendigen Stimmenanteils von mehr als 50 % für den Gewinn eines
einzigen Mandats. Das Problem mit dieser Verallgemeinerung besteht nicht
darin, daß sie unzutreffend wäre, sondern darin, daß sie sich mehr auf die
Politiker als auf die Wähler konzentriert, die des öfteren Ansichten hatten,
die sich von denen ihrer Elite unterschieden. Es ist sicher richtig
auszuführen, wie Scheil es tut, daß antisemitische Reichstagskandidaten
häufig die Partei wechselten, nicht nur hin zu anderen Antisemitenparteien,
sondern auch in die Deutschkonservative Partei und gelegentlich zu den
Nationalliberalen, daß außerdem antisemitische Vorurteile in den
nationalistischen Lobbies wie den Alldeutschen Verband präsent waren, aber
dies ist kaum als neu zu bezeichnen. Es gleichermaßen richtig zu sagen, daß
sich der Antisemitismus als politische Kraft viele bereits vorhandene
Vorurteile nutzbar machen konnte, daß sein Erfolg ein Symptom der
organisatorischen Schwäche der politischen Rechten vor 1918 war und daß er
deshalb "eine Lücke füllte ... ohne eine prinzipielle Alternative zu
haben." Will man dies aber näher ausführen, stößt man auf Probleme. Es wird nie richtig klar, was den Kern dieser Deutschen Rechten ausmacht. Scheil spricht manchmal vom "bürgerlichen Lager" (S. 94, 116, 117) ohne zu spezifizieren, ob nun die Linksliberalen zu diesem Lager gehörten und ohne zu sagen, wie sich dies vom "nationalen Lager" unterscheidet (S. 126). Auch widmet er den regionalen und sozialen Unterschieden der verschiedenen Gruppen, die von den Antisemiten angesprochen wurden, nicht genug Aufmerksamkeit. In Sachsen wurde die Politik vom Kampf gegen die Sozialdemokratie bestimmt, wie er sagt und die Antisemiten hatten dementsprechend viel Erfolg in der Mittelschicht. In Baden dagegen, wie James Rettallack gezeigt hat (German History, vol. 17, no. 4), waren Antisemiten und Konservative fast nicht zu unterscheidend in ihrer Opposition gegen den dort herrschenden Liberalismus. Aber auch in Sachsen konnte es vorkommen, wie Scheils Statistiken zeigen, daß antisemitische Stimmen in der Stichwahl einem Sozialdemokraten zugute kommen konnten,(1) ebenso wie manchmal sozialdemokratische und agrarische Stimmen in Württemberg austauschbar waren. Besonders kompliziert lagen die Dinge in Hessen. Wie Robert v. Friedeburg gezeigt hat (Ländliche Gesellschaft und Obrigkeit. Gemeindeprotest und politische Mobilisierung im 18. u. 19. Jhdt., Göttingen 1997) gab es dort eine lange Tradition bäuerlichen Protests und die meiste Unterstützung für die Antisemiten kam denn auch nicht vom Mittelstand oder reicheren Bauern, sondern von den ärmsten (Parzellenbesitzer und Tagelöhner), deren Loyalität wechselte. Hier unterstützen sich Sozialdemokraten und Antisemiten in den Stichwahlen noch mehr als in Sachsen. Das extremste Beispiel gab es 1912 in Nordhausen in der preußischen Provinz Sachsen, wo antisemitische Wählerstimmen die Stichwahl die Wahl zugunsten des Sozialdemokraten Oscar Cohn gegen den nicht-jüdischen Linksliberalen Kandidaten entschieden. (2) Es gibt daher zwei Seiten des Bildes, das Scheil präsentiert und er präsentiert eine Seite besser als die andere, denn er ignoriert die Möglichkeit, daß Wähler eine Wahlentscheidung treffen könnten, die nur sehr entfernt mit dem Wahlprogramm ihres Kandidaten oder ihrer Partei zu tun hat. Es gibt keinen Zweifel, daß die Antisemitenparteien zu der nationalistischen Rechten gehörten, was erklärt, weshalb die Rechten Kandidaten einigermaßen austauschbar waren. Aber eine ausgewogene Schlußfolgerung aus Scheils Daten zeigt, daß ein bedeutender Teil der antisemitischen und sozialdemokratischen Basis sich gegenseitig als legitime, wenn auch falsch orientierte, Protestwähler anerkannte."
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.(1) Das ist einer der Fälle, wo man sich als Autor einen kleinen Kommentar nicht versagen kann. Die von mir erstellte Statistik zeigt, daß die Unterstützung antisemitischer Wähler für die Sozialdemokraten dreißig Jahre lang praktisch gleich Null war. Nur in drei von 55 Stichwahlen zwischen 1881 und 1912 entschieden sich Antisemiten für einen Sozialdemokraten (S. 138). |
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(2) Es war das erste und einzige Mal seit 1881, daß es diese Wählerwanderung gab, somit ist das extremste Beispiel zugleich das einzige Beispiel. |
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