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SYMPOSION.ORG Internetforum von Dr. Stefan Scheil Aus aktuellem Anlaß - Das Vorwort zur vierten Auflage von: Die stete Nachfrage ermöglicht eine vierte Auflage des vorliegenden Buchs. Vielleicht nicht ganz zufällig erscheint diese Neuauflage nun im Jahr der siebzigsten Wiederkehr des Kriegsausbruchs vom 1. September 1939, die natürlich vielfach zu Rückschau und kritischer Geschichtsdeutung auch aus politischer Perspektive Anlaß geben wird. Man muß keine prophetischen Gaben besitzen, um von den aus diesem Anlaß zu erwartenden öffentlichen Reden wenig Neuigkeiten zu erwarten. Sie werden in der Regel weiterhin von einer Alleinverantwortung des deutschen Staates für den Krieg von 1939 ausgehen und den Versuch etwaiger "Relativierungen" dieser Verantwortung explizit zurückweisen. Insofern läßt sich ein gewisser Stillstand der Debatte konstatieren, jedenfalls so weit sie die Öffentlichkeit betrifft. In einer äußerst bissigen Besprechung dieses Buchs hat Professor Hans-Adolf Jacobsen im Jahr 2003 beiläufig erwähnt, anerkannte Historiker des Auslands hätten längst aufgezeigt, daß verschiedene Staaten "eine kaum noch zu bestreitende Mitverantwortung für das Debakel von 1939/40 tragen". Er nannte unter anderem Polen. Dies ist der Standpunkt, den die Fachwelt gelegentlich im internen Gespräch einnimmt, oder an wenig hervorgehobener Stelle dann und wann schriftlich konstatiert. Es ist jedoch nicht jene Variante der Geschichtsschreibung, wie sie Schülern, Journalisten oder Politikern geläufig ist oder von ihnen konstatiert wird. Daher ist es nicht zu viel gesagt, die nachgewiesenermaßen relative Verantwortung Deutschlands für den Krieg von 1939 als ein Tabu zu bezeichnen, das öffentlich nicht besprochen wird. Hier betritt man den Bereich des Undenkbaren, vor dessen öffentlicher Erörterung die meisten Historiker weiterhin zurückschrecken. Ich will ein aktuelles Beispiel geben. So hielt es etwa Dr. Markus Krzoska jüngst für angemessen, sich im März 2009 öffentlich von meinen Interpretationen zu distanzieren und dabei von seinen eigenen Forschungsergebnissen gleich mit. Markus Krzoska hat seine Dissertation über die intellektuelle Entwicklung des polnischen Historikers Wojciechowski verfasst, der seit den 1920er Jahren aus dem Verlauf der mittelalterlichen Geschichte polnische Gebietsansprüche auf Schlesien und Pommern einschließlich der Odermündung ableitete und diese Tätigkeit während des Krieges und nach 1945 fortsetzte. Damit stand Wojciechowski keineswegs allein, sondern repräsentierte eine breite, intellektuell wie politisch wirksame Strömung im Polen der Zwischenkriegszeit, wie unter anderem im vorliegenden Buch nachzulesen ist. Krzoskas Vorwurf nun lautete, ich würde "mit Hilfe einiger Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung quasi eine Gleichsetzung deutscher und polnischer Politik in der Zwischenkriegszeit betreiben und damit zumindest unterschwellig die deutsche Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg andeutungsweise relativieren". (Dr. Markus Krzoska: "Reaktion auf Stefan Scheil", Beitrag in polhist vom 5. März 2009) . |
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Nun ist diese Formulierung einer inhaltlichen und personalen Verschwörungstheorie nicht untypisch für die aktuellen zeitgeschichtlichen Debatten in Deutschland, in der Sache aber nicht berechtigt. Die deutsche Alleinschuld wird hier in der Folge nicht unterschwellig, sondern explizit relativiert, wie es der von einer "vereinten Entfesselung" des Krieges sprechende Untertitel bereits unmißverständlich klarstellt. Dies geschieht mit gutem Grund und keineswegs in der Absicht einer Gleichsetzung von Methoden und Zielen der Politik verschiedener Staaten. Der ganze Komplex "Zweiter Weltkrieg" läßt sich jedoch nicht verstehen, ohne seine Vor- und Eskalationsgeschichte in ihren vielfachen Wechselwirkungen aufzuzeigen, in denen kein Land eine allein maßgebliche Rolle gespielt hat. Daß verschiedene Personengruppen und Organisationen etwa in England weitaus entschiedener auf den Krieg zusteuerten, als dies hier im folgenden dargestellt ist, konnte ich inzwischen aufzeigen. (Vgl. Stefan Scheil: Churchill, Hitler und der Antisemitismus - Die deutsche Diktatur, ihre politischen Gegner und die europäische Krise der Jahre 1938/89, Berlin 2008) Am Fehlen einer Alleinverantwortung eines einzelnen Landes für den Krieg von 1939 ändert dies nichts. Es wäre eine Debatte erforderlich, die dies konsequent berücksichtigt. Abschließend sei eine Bemerkung zu den Quellengrundlagen der Darstellung gestattet, da sich dies als ein immer wieder angesprochener Punkt erwiesen hat. Unter anderem schickte mir ein Leser, der früher einmal das Amt des Verteidigungsministers der Bundesrepublik Deutschland bekleidet hat, einen Brief, in dem er die Ansicht äußerte, die im Nürnberger Prozeß als Schlüsseldokumente vorgelegten Aufzeichnungen verschiedener Ansprachen Hitlers seien im Buch zu wenig berücksichtigt, wie beispielsweise das Hoßbach-Protokoll. Tatsächlich sind diese Dokumente wie jedes andere in Nürnberg vorgelegte Papier selbstverständlich in die Darstellung eingearbeitet, teilweise noch etwas ausführlicher im Vorgängerband "Logik der Mächte". Sie sind aber auch quellenkritisch auf das Maß an Aussagekraft zurückgestuft, das sie angemessenerweise beanspruchen können. Als die Nürnberger Anklagebehörde im Vorfeld des Prozesses feststellte, aus den erbeuteten deutschen Unterlagen gehe stets die Überzeugung hervor, Deutschlands Gegner hätten den Krieg erzwungen, sah sie sich vor Schwierigkeiten. (Vgl. S. 304 in diesem Buch) So wurden Dokumente ungewisser Herkunft und unterschiedlicher Aussagekraft als angebliche Schlüsseldokumente in den Prozeß eingeführt, die diesem Eindruck scheinbar widersprachen, anderes blieb dagegen unberücksichtigt. Es ist ein Anliegen dieser Studie zur vereinten Entfesselung des Zweiten Weltkriegs, diese Beschränkung zu überwinden. Es bleibt weiter zu hoffen, dies möge gelingen. Abschließend möchte ich Dr. Florian Simon für seine Bereitschaft danken, diese vierte Auflage in das Verlagsprogramm von Duncker & Humblot aufzunehmen. Neuhofen, im April 2009 Stefan Scheil |
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