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1. Dezember 2014

 

 

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Dankrede zur Verleihung des Historikerpreises der Kronauer-Stiftung

Sehr geehrter Herr Kronauer, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, meine Damen und Herren,

"Einmal mehr geht heute ein Gespenst um in Europa, nicht weniger allgegenwärtig, nebulös und unangreifbar, als es andere europäische Gespenster vor ihm zu sein pflegten. Es ist das Gespenst der Globalisierung, das heute die Konzerne zur Fusion treibt, die alten Industrien zur vorzeitigen Stillegung verdammt und gleichzeitig die Nationalstaaten der Selbstaufhebung in der europäischen Union ausliefert. Kein Zweifel, die europäische Elite glaubt - nicht zu erstenmal - den unausweichlichen Trend der Zeit erkannt zu haben, und sie setzt sich entschlossen an seine Spitze. Sie tut dies nicht ohne Argumentationen, an denen für einen Historiker vieles sehr bekannt klingt, auch wenn der Tonfall mancher Verlautbarungen den Schluß nahelegen möchte, Europa habe eben erst den Rest der Welt ‚entdeckt' und dessen rückwirkender Einfluß auf die Alte Welt sei eine Neuigkeit von epochalem Ausmaß und jedenfalls ein Phänomen ohne geschichtliches Beispiel."

Mit diesen Worten begann das Vorwort zu "Logik der Mächte", dem Buch, das im Zentrum der heutigen Preisverleihung steht. Als ich sie jetzt für die Vorbereitung dieses Tages wieder gelesen habe, fast zwanzig Jahre nachdem sie geschrieben wurden, da war der erste Eindruck "Wie schnell die Zeit vergeht" und wie aktuell diese Zeilen auch heute sind. Die europäischen Eliten, insbesondere die Mandatsträger der großen Mehrheit der im deutschen Bundestag vertretenen Partein, streben weiterhin und noch beschleunigt und mit weitaus offeneren Worten nach einer Aufhebung der deutschen Eigenstaatlichkeit in einer politischen Union Europas. Das soll, wie oft zu hören ist, die Probleme der Globalisierung und die mit den aufkommenden neuen Wirtschaftsmächten lösen helfen.

Sie müssen jetzt keine Sorge haben, daß ich dazu weiter etwas sage. Ob das eine Politik mit Zukunft oder ein Irrläufer ist, dazu will ich hier überhaupt nicht Stellung beziehen. Das wäre zu Tagesaktuell. Im Gegensatz zu etlichen Historiker-Kollegen bin ich auch der Ansicht, daß die Erforschung von Vergangenheit und die damit verbundene Kenntnis früherer Weltpolitik den Historiker keineswegs so herausragend für die Abgabe politischer Prognosen qualifiziert, wie manche glauben, oder das Publikum glauben machen wollen. Politik ist immer neu und hat immer mit Faktoren zu rechnen, die es früher noch nicht gab. So etwas wie historische Gewißheiten lassen sich aus der Vergangenheit nicht ableiten, jedenfalls nicht im strengen Sinn.

Damit wären wir bei der "Logik der Mächte". Wie gesagt, handelt es sich dabei nicht um eine Logik im mathematischen Sinn. Die internationale Politik ist nicht logisch, denn dann wäre sie berechenbar. Sie ist aber auch nicht völlig willkürlich, denn es lassen sich durchaus wiederkehrende Muster erkennen. So entstand dieses Buch als ein Versuch über die "Logik" dieses Konzerts der Mächte, über seine Willkür und seine Systematik und als ein Experiment, ob sich die Entstehung seiner bislang letzten umfassenden Katastrophe aus einer anderen Perspektive nicht auch kohärent verstehen läßt. Diese Katastrophe ist bekannt unter der Bezeichnung "Zweiter Weltkrieg" oder allgemeiner gesprochen, als die "Ära der Weltkriege".

Andere haben demgegenüber den Bereich der Ideologie hervorgehoben und auf ganz andere Zusammenhänge verwiesen. Ich darf hier Ernst Nolte nennen, der als Geschichtsphilosoph des Weltbürgerkriegs - als den man die Ära der Weltkriege auch sehen kann - dessen intellektuellen Verbindungen nachgespürt hat. Es ging ihm besonders die Fragen von Ursache und Wirkung im Zusammenhang mit Kommunismus und Faschismus. Er hat mit seinen Feststellungen dabei den Finger auf manchen wunden Punkt gelegt. Ernst Noltes Hinweis etwa darauf, daß die stalinistischen Massenmorde den nationalsozialistischen zeitlich vorangingen, wurde und wird nicht von vielen gern gehört. Immerhin hat hier in den letzten Jahren ein teilweises Umdenken eingesetzt. Auch prominente und - wie man anmerken muß: regierungsnahe - Historiker wie der Amerikaner Timothy Snyder, Professor an der Yale Universität und Autor eines gleichzeitig in zwanzig verschiedenen Sprachen erschienen Buchs über die "Blutregionen" Osteuropas, haben diesen Zusammenhang deutlich hergestellt. Seine drastische, aber sachlich richtige Feststellung, wonach "die Sowjetunion in den dreißiger Jahren das einzige Land in Europa war, das politische Massenmorde durchführte", war auch im Jahr 2011 noch ungewöhnlich und aufsehenerregend.

Die Kritik an Snyder, so weit sie aus Deutschland kam, monierte denn auch prompt eine Gleichsetzung von nationalsozialistischer und stalinistischer Diktatur, die man aus dem Buch herauslas. Auch Snyders Hinweis auf die zeitliche Abfolge der Ereignisse wurde Gegenstand von Ablehnung. Es hieß, dort werde relativiert.

Nun ist der Vorwurf der "Relativierung" von historischen Ereignissen in Deutschland heute regelmäßiger Gegenstand von geschichtspolitischen Auseinandersetzungen. Wir haben das auch in den letzten Wochen hier vor Ort erlebt. Das ist um so erstaunlicher, als dieser Vorwurf - erkenntnistheoretisch gesehen - buchstäblich völlig sinnlos ist. Jedes geschichtliche Ereignis findet in Relation zu anderen Ereignissen statt. Jede denkbare Geschichtsschreibung zu jedem denkbaren Ereignis relativiert notwendigerweise. Alles ist singulär und nichts ist unvergleichlich. Die anklagende Behauptung, man "relativiere", kann man deshalb als Geschichtswissenschaftler eigentlich nur mit den Worten beantworten: "Ja, natürlich, das ist mein Beruf."

Trotzdem wird dies heute selten gesagt. Das deutet auf einen problematischen Zustand der akademischen Welt hin, auf einen Zustand, in dem der Gebrauch leerer Floskeln und die Skandalisierung simpler Tatsachenfeststellungen auch an den Universitäten verbreiteten Einzug gehalten hat - in der allgemeinen Berichterstattung zu historischen Themen sowieso.

Nun hat am Montag hier an gleicher Stelle eine "Gegenveranstaltung" stattgefunden, die diese Zustände wieder einmal sichtbar werden ließ. Ein Bündnis aus SPD, Linke, DGB und anderen Kräften versuchte, die heutige Preisverleihung zu verhindern und zu diesem Zweck meine Veröffentlichungen zu politisieren und zu skandalisieren. Als Experten für diese Fragen hatte man Professor Wolfgang Benz eingeladen, den früheren Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung. Leider hat Herr Benz in seinen Ausführungen deutlich erkennen lassen, keine von meinen Veröffentlichungen je selbst in der Hand gehabt zu haben. Dafür zwei Beispiele:

Herr Benz hat behauptet, ich würde stets das "Hoßbach-Protokoll" von 1937 ignorieren, eine wesentliche Quelle zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs. Hätte sich Herr Benz die eigentlich selbstverständliche Mühe gemacht, vor seinem Auftritt als "Experte" auch nur das Inhaltsverzeichnis meines Buchs "Logik der Mächte" zu lesen, für das hier heute der Historikerpreis verliehen wird, so hätte er festgestellt, daß es dort ein eigenes Kapitel über das Hoßbach-Protokoll gibt. Ich würdige das Hoßbach-Protokoll in allen meinen Veröffentlichungen als wesentliche Quelle. Wenn Prof. Benz meint, das Protokoll müsse in meiner Darstellung ignoriert werden, gibt er zudem zu erkennen, daß er nicht nur meine Veröffentlichungen nicht kennt, sondern auch den Inhalt des Protokolls nicht.

Zum zweiten wartete Herr Benz als herausgehobenes Beispiel für meine angebliche Arbeitsweise mit der Behauptung auf, es sei eine reine, unwissenschaftliche Spekulation meinerseits, daß die polnische Regierung im Sommer 1938 mit einem schnellen politischen Kurswechsel weg von Deutschland, hin zu den Westmächten kalkuliert hätte. Auch hier hätte er nicht nur meinen Veröffentlichungen die entsprechende Quellenangabe entnehmen können. Es ist nicht der Historiker Stefan Scheil, der dies so schreibt, sondern der damalige polnische Außenminister Josef Beck in seinem Rechtfertigungsbericht über diese Zeit, der seit 1951 veröffentlicht vorliegt. Von Personen, die anderen die Wissenschaftlichkeit absprechen wollen, könnte man darüber hinaus die eigene Kenntnis solcher Quellen erwarten. Dies ist aber offenkundig weder beim Vortragenden selbst, noch innerhalb des von ihm bemühten Zitierkartells emeritierter Historiker der Fall, die wesentlichen Anteil daran haben, daß sich die bundesdeutsche Zeitgeschichtsforschung seit Jahrzehnten in einer Sackgasse befindet.

Es deutet auch auf einen problematischen Zustand der demokratischen Kultur hin, wenn das Feststellen unbestreitbarer historischer Tatsachen schnell zum politischen Skandal werden kann. Viele von Ihnen werden sich noch an die Affäre um die CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach erinnern, die vor der CDU-Fraktion des deutschen Bundestages in einer spontanen Äußerung darauf hingewiesen, "sie könne auch nichts dafür, daß Polen 1939 zuerst mobilisiert hat". Obwohl diese Tatsache als solche völlig unbestreitbar ist, soll die Reaktion der Fraktionskollegen in heftiger Ablehnung, teilweise sogar in emotionellen Wutausbrüchen bestanden haben. Auch Frau Steinbach blieb nichts anderes übrig, als eine Erklärung herauszugeben, in der sie die bereits erwähnte Leerformel wiederholte: Sie wolle natürlich nicht "relativieren".

Ich fühle mich durch diese Preisverleihung auch deshalb besonders geehrt, weil sich die Erich und Erna Kronauer-Stiftung der Förderung von Forschung gewidmet hat, die dem Totalitarismuskonzept folgt. Fragt man nach dem gesellschaftlichen Nutzen und politischen Verankerung von Zeitgeschichtlicher Forschung, dann ist der entscheidende Punkt schießlich nicht in der Analyse die Differenzen und Gemeinsamkeiten von Nationalsozialismus und Stalinismus zu sehen. Der entscheidende Punkt ist, daß jede freie Geschichtsforschung, die sich den Namen Wissenschaft verdienen will, sich auf die Bereitschaft zum offenen Dialog stützen muß. Dieser offene Dialog nun ist zweifellos in einem demokratisch verfassten Rechtsstaat am besten aufgehoben. Dies hervorzuheben war immer das besondere Verdienst der Totalitarismustheorie. Das ist in den letzten Jahrzehnten merkwürdigerweise etwas in den Hintergrund getreten, man könnte sogar sagen, vergessen worden. Aufgrund der Bemühungen, Deutschland und dem Nationalsozialismus geschichtpolitisch eine besondere Unvergleichlichkeit zu attestieren, ist den zahlreichen anderen Spielarten von Diktatur und Totalitarismus zugleich eine gewisse Aura der Harmlosigkeit erwachsen. Das mag nicht beabsichtigt gewesen sein, ist in der Praxis aber eingetreten - und dies mit teilweise drastischen Folgen für die Zeitgeschichtsforschung.

Nun war es nicht mein Ziel, als akademisch ausgebildeter Historiker volkspädagogische Schriften zu verfassen oder im Rahmen des jeweils gerade modischen Diskurses leere Formeln zu verwenden, sondern eben wissenschaftlich belastbar zu forschen und zu publizieren. Vor diesem Hintergrund war es mein Anliegen, mit der "Logik der Mächte" eine Forschungsdebatte über die Weltkriegsära zu eröffnen, die es in Deutschland so noch nicht gegeben hat, oder nur in Ansätzen gegeben hat. Als Beispiel für solche Ansätze darf ich hier meinen sozialdemokratischen Kollegen Immanuel Geiss zitieren, damals Professor in Bremen, der Mitte der 1960er Jahre in einem Aufsatz zur Kriegsfrage festgestellt hat, es sei:

"der wahrhaft schwache Punkt der antihitlerischen Geschichtsschreibung, daß man völlig zu Recht nachweisen kann, daß Hitler den Zweiten Weltkrieg nicht wollte; obwohl Hitler den Zweiten Weltkrieg tatsächlich überwiegend verursachte." Und weiter: "In der Tat, ein Zweiter Weltkrieg wäre wirklich das letzte gewesen, was sich Hitler zur Erfüllung seiner ehrgeizigen Weltpolitik hätte wünschen können, und er versuchte, den Weltkrieg zu vermeiden."

Das haben Sie so wahrscheinlich noch nie gehört, denn auf diese Sätze von Immanuel Geiss und manch andere in dieser Richtung ist nie die eigentlich nötige wissenschaftliche Auseinandersetzung erfolgt. Wie erzeugt ein Diktator, was er eigentlich nicht will? Unter welchen Bedingungen war das möglich? Die Antwort darauf kann natürlich nie so einfach sein wie der simple Satz, er habe den Krieg unbedingt gewollt. Die richtige Antwort wird komplizierter sein müssen.

Es scheint notwendig, an dieser Stelle wenigstens zwei prominente Zeitzeugen anzuführen, die ebenfalls überzeugt waren, daß der deutsche Diktator den Krieg nicht wollte. Da wäre zum Beispiel die totalitäre Konkurrenz in Moskau. "Ohne es zu wissen und ohne es zu wollen", würde Hitler das kapitalistische Staatensystem untergraben, ließ Josef Stalin Anfang September 1939 die Führung der Kommunistischen Internationale wissen - kurz nach Kriegsbeginn. Man habe natürlich nichts dagegen, daß die Kaptalisten untereinander etwas Krieg führen. Bei Gelegenheit müsse man auch die andere Seite aufhetzen.

Die "andere Seite" dachte ebenfalls nicht, daß Hitler den Krieg gewollt habe. Drei Wochen, nachdem seine Regierung der deutschen den Krieg erklärt hatte, schrieb der britische Premier Neville Chamberlain einen Privatbrief an seine Schwester. Über einen Exzentriker wie Hitler könne man natürlich nur spekulieren, aber er persönlich sei überzeugt, daß Hitler Hitler bis zum Schluß an Vorschlägen zur friedlichen Lösung der Polenkrise gearbeitet habe, "die aus seiner beschränkten Sicht geradezu unfassbar großzügig wirken mußten". Den Krieg gab es dennoch und er weitete sich wie 1914 erneut zum Weltkrieg aus.

Gibt es hinter diesen Zusammenhängen eine "Logik"? Ob es eine solche gibt, muß Gegenstand von Forschung und Prüfung werden, wobei wirkliche Forschung zu diesem Punkt, wie bereits gesagt, auf der Grundlage des anti-totalitären Konsenses stehen muß. Es ist, salopp gesagt, für die Berechtigung des demokratisch verfassten Rechtsstaats in der Bundesrepublik ohne Belang, wer 1939 zuerst mobilisiert hat oder wer, wann, warum, wem den Krieg erklärt hat. Die Demokratie hat ihre Rechtfertigung in sich, sie benötigt keine historische Begründung.

Auf der anderen Seite kann Politik nicht beanspruchen, das Geschichtsbild oder die Geschichtswissenschaft vorauszubestimmen. Einen demokratischen Konsens, der auf dem gemeinsamen Glauben an den unbedingten Kriegswillen Hitlers beruht, wie Sie es, Herr Oberbürgermeister, hier vorhin gefordert haben, kann es so nicht geben. Das würde bedeuten, den Historiker, der Fakten wie die eben genannten berücksichtigt, sofort außerhalb des Konsenses zu stellen und also das Ende freier Forschung, wie sie die Verfassung vorsieht.

Heute ist eine solche Aufarbeitung unter den bereits erwähnten Bedingungen jedenfalls eine zähe Sache, die immer wieder von negativer Polemik und Unglauben begleitet wird. Für Letzteres, nämlich die Schwierigkeiten mit dem Glauben - darf ich hier auf den leider viel zu früh verstorbenen Frank Schirrmacher hinweisen, den Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ich habe ihn vor einigen Jahren kennengelernt und er hat sich offenbar bis zuletzt mit meinen Veröffentlichungen in dieser Sache beschäftigt. Ein Nachruf von Lorenz Jäger zitiert ihn mit den Worten zu meiner Biographie des früheren Außenministers des Dritten Reichs, Joachim von Ribbentrop. Schirrmacher hat das Buch zweimal gelesen und schwankte: "Es ist so überzeugend ... aber ich kann es nicht glauben ... es ist so überzeugend usw."

Diese Haltung ist mir nicht nur bei ihm begegnet. Es ist nicht nur das eingangs erwähnte Gespenst der Globalisierung, das in Europa umgeht, es sind auch gespenstische Vorstellungen über die Zusammenhänge der Weltkriegsära, die nur schwer weichen wollen. Dazu kann ich abschließend nur sagen: Es gibt über die Ära der Weltkriege viel mehr und anderes zu wissen, als dies in der Öffentlichkeit oft erscheint. Glauben Sie das ruhig.

Stefan Scheil

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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